Fremder Gast im eigenen Leben · Wann hast du zuletzt dir selbst zugehört?
Nach außen ist alles erreicht: das Haus mit Garten, die Familie, der Job, bei dem andere anerkennend nicken. Und dann sitze ich im Zug nach Hamburg, und die Tränen kommen ungefragt. Ein ehrlicher Text über das Gefühl, Gast im eigenen Leben zu sein, und über den Weg zurück zur eigenen Stimme.
Aus meinem Journal
Ein einziger Atemzug
Wie oft lassen wir uns von jemandem erzählen, wie die Welt funktioniert? Die eine bestimmte Technik, die dich weiterbringt. Die eine innere Einstellung, die endlich die alten Muster auflöst, die dich schon ewig beschäftigen und vermeintlich ausbremsen.
In den Tagen nach solchen gut gemeinten Gesprächen, Coachings und Ratschlägen sitzt du dann da, und deine Gedanken kreisen um das altbekannte Thema:
- Bin ich zu sensibel?
- Bin ich zu emotional?
- Bin ich zu weich?
- Bin ich zu einfältig?
- Bin ich zu verbohrt?
- Bin ich zu naiv?
- Bin ich zu …?
Ich kenne das so gut. Ich bin jetzt 43. Meine Hormone fahren regelmäßig Achterbahn, zumindest schiebe ich die emotionalen Wellen, die aus dem Nichts über mich schwappen, gerne auf sie. So sitze ich zum Beispiel im Zug, auf dem Weg von Heidelberg nach Hamburg, eine Indie-Folk-Playlist auf den Noise-Cancelling-Earpods, träume aus dem Fenster, und dann kommen sie. Die Tränen, ungefragt. Und mit ihnen die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Warum fühlt sich mein Leben so an, wie es sich anfühlt? Was ist aus all dem geworden, von dem ich irgendwann einmal dachte, dass es mein Leben wird?
Überraschung: Ich fühle mich wie ein fremder Gast in meinem eigenen Leben. Nach außen habe ich alles erreicht, wovon ich dachte, dass es mich glücklich macht. Ein großes Haus in einem gewachsenen Vorort mit einem weitläufigen Grundstück. Reh, Waschbär und Wildschweine direkt im Garten, meine Schneewittchen-Momente sind echt. Verheiratet, zwei gesunde Kinder, die unabhängig und mutig ihren Weg gehen. Ein neues Auto in der Garage, selbst finanziert. Ein Job, der vorzeigbar ist und bei dem andere anerkennend nicken, wenn ich davon erzähle. Ich bin frei. In meinen Gedanken, in meinem Handeln und in jeder Entscheidung, die ansteht. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Und: ich war noch nie so leer wie jetzt.
Ich habe mich verloren und weiß nicht, wo. Das Glück, die Leichtigkeit, die Freude und die Freiheit sind mir irgendwo unterwegs abhandengekommen. Alles, wovon ich denke, dass es mich gerade glücklich macht, hält immer nur kurz. Jetzt bin ich also auch eine Suchende. Und was ich suche, bleibt mir selbst ein Rätsel.
So kommen sie, die Tränen. Im Zug ist das leicht, während ich aus dem Fenster schaue und die Landschaft an mir vorüberzieht. So wie mein Leben. Es zieht einfach vorbei, und jeder Augenblick, den ich sehe, ist schon wieder fort. Vergänglich, so wie jeder einzelne Atemzug. Du atmest ein: frisches Leben, Sauerstoff, es pulsiert in dir. Und dann atmest du aus. Verbrauchte Luft, unsichtbar, flüchtig.
Das Leben ist ein einziger Atemzug.
Und so fahre ich zu einem Job, auf den ich dachte, stolz sein zu müssen. Dabei ist es einfach ein Job. Eine Vereinbarung, meine Lebenszeit für den Traum eines anderen zur Verfügung zu stellen. Klar, jede Vereinbarung ist ein Geben und Nehmen, und alles kann uns wachsen lassen. Aber fragst du dich auch manchmal, warum du für fremde Träume lebst und wo dein eigener geblieben ist?
Ich habe vergessen, vielleicht verlernt, vielleicht sogar mir abtrainiert, wovon ich wirklich träume. Ein paar Dinge, die ich gerne einmal machen würde, kann ich dir nennen. Und wenn ich länger nachdenke, fallen mir auch ein paar Ideen ein. Aber ganz konkret? So, dass ich sofort den ersten Schritt in genau diese Richtung gehen kann und will?
Wie ist das bei dir? Kannst du diese Frage sofort mit einem Ja beantworten? Und wenn ja, was machst du gleich, um loszugehen, den ersten und den nächsten Schritt?
Ich gebe dir einen Rat mit: Wenn dein Ja noch auf sich warten lässt, so wie meines, dann schau einmal, wie oft du dir angehört hast, wie man etwas richtig macht. Wie oft du anderen zugehört hast, wenn es darum ging, wie der Hase läuft. Und dann: Hör ab jetzt weg.
Die Welt hat mir viel zu energisch erzählt, wie ich zu sein habe, was richtig ist und was falsch. Die Stimmen von außen haben so lautstark um meine Aufmerksamkeit gebettelt, dass ich angefangen habe, meine eigene zu überhören. Sie wurde immer zarter, und wenn sie sich dann doch zu Wort gemeldet hat, weil sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte, habe ich ihr misstraut. Denn wie soll eine so zarte Stimme recht haben?
Ich wünsche dir, dass du dich auf den Weg machst, deine Stimme wiederzufinden. Dass du ihr begegnest und neu entdeckst, wie gut sie dich leitet. Ich wünsche dir, dass deine Stimme immer lauter wird. Lauter als all die Zweifel. Lauter als all die Systeme und Methoden, die dich in ein Korsett zwängen, das dir selten passt. Ich wünsche dir, dass du die Zugfahrt genießt und jeden Atemzug feierst.
Ich wünsche dir, dass du Du bist.
Denn das wünsche ich mir auch für mich. Es ist das größte Geschenk und der Leitstern aller Träume: wir selbst sein.